- Aktive und sichtbare Sponsorship gilt seit über 25 Jahren Forschung als stärkster Erfolgsfaktor im Change-Management.
- Projekte mit sehr wirksamen Sponsoren erreichen ihre Ziele nahezu dreimal so oft wie Projekte mit sehr schwachen Sponsoren.
- Sponsorship ist keine Rolle im Organigramm, sondern eine Haltung, die man im Kalender, im Konflikt und im Vorleben erkennt.
Die Zahl, die jeder kennt
Bis zu 70 Prozent aller Veränderungsprojekte scheitern. Diesen Satz haben Sie vermutlich schon oft gehört. Er steht in Studien, in Präsentationen und auch auf meiner eigenen Webseite. Die Quoten schwanken je nach Untersuchung und je nachdem, was als Scheitern gilt.
Warum hält sich die Zahl so hartnäckig? Weil sie sich richtig anfühlt. Fast jede Führungskraft kennt Projekte, die mit großer Rede begonnen und mit leiser Abschlussmail geendet haben. Die genaue Quote ist zweitrangig. Das Gefühl dahinter kennen fast alle.
Was die Forschung zeigt
Eine Erkenntnis ist dabei erstaunlich stabil. Das Forschungsunternehmen und Beratungsunternehmen Prosci befragt seit 1998 regelmäßig Organisationen weltweit zu ihren Veränderungsprojekten. Und seit 1998 steht derselbe Faktor auf Platz eins der Erfolgsfaktoren: aktive und sichtbare Sponsorship durch die Führung.
Noch deutlicher werden die Zahlen, wenn man Projekte nach der Wirksamkeit ihrer Sponsoren sortiert. Projekte mit äußerst wirksamen Sponsoren erreichten ihre Ziele laut Prosci zu 79 Prozent. Projekte mit äußerst unwirksamen Sponsoren nur zu 27 Prozent. Das ist fast das Dreifache. Nicht durch eine bessere Software, nicht durch das schönere Projekthandbuch. Durch die Haltung eines einzelnen Menschen an der Spitze.
Change scheitert selten am Plan. Er entscheidet sich an der Haltung der Menschen, die ihn verantworten.
Der Sponsor als Unterschrift
In vielen Unternehmen sieht Sponsorship in der Praxis so aus: Die Geschäftsführung unterschreibt den Projektauftrag, hält eine motivierende Rede zum Auftakt und verschwindet dann in den Tagesbetrieb. Das Projekt läuft ab jetzt über die Projektleitung, ein Lenkungskreis tagt einmal im Quartal, und alle sind sich einig, dass das Thema höchste Priorität hat.
Sponsoren dieser Art erinnern mich an Rauchmelder. Man weiß, dass sie da sind. Man bemerkt sie erst, wenn es brennt. Und dann sind sie sehr laut.
Das Problem dabei ist weniger die Abwesenheit selbst. Das Problem ist die Botschaft, die sie sendet. Mitarbeiter sind hervorragende Beobachter. Sie lesen keine Folien, sie lesen Körpersprache. Sie schauen darauf, wofür die Chefin sich Zeit nimmt, welche Fragen der Chef im Meeting stellt und was passiert, wenn das neue Vorgehen zum ersten Mal unbequem wird. Wenn die Führung in diesem Moment fehlt, entsteht ein einziger Gedanke, und er verbreitet sich schneller als jeder Newsletter: Die meinen es nicht ernst.
Mitarbeiter lesen keine Folien. Sie lesen Ihren Kalender.
Die drei Gesichter des Ausweichens
Fast kein Sponsor sagt offen: Ich habe keine Lust auf diese Veränderung. Ausweichen kommt eleganter daher. Drei Formen begegnen mir besonders häufig.
- Delegieren. Die Verantwortung wird an die Projektleitung, die Personalabteilung oder an eine externe Beratung weitergereicht. Das sieht nach Vertrauen aus. In Wahrheit ist es oft Entlastung von unbequemen Gesprächen.
- Moderieren. Die Führung tritt als neutrale Gesprächsleitung auf und sammelt Meinungen, statt Position zu beziehen. Alle fühlen sich gehört. Niemand weiß, wohin es geht.
- Verschieben. Die nächste Entscheidung braucht noch eine Analyse, noch eine Abstimmung, noch eine Runde mit dem Betriebsrat. Jede einzelne Verschiebung ist begründbar. In der Summe ergibt sich Stillstand mit gutem Gewissen.
Alle drei Formen haben etwas gemeinsam: Sie schützen die Führungskraft kurzfristig vor Konflikt. Und sie kosten das Unternehmen langfristig Vertrauen, Tempo und die besten Leute.

Was ein wirksamer Sponsor tatsächlich tut
Sponsorship ist keine Rolle im Organigramm. Es ist eine Haltung. Und diese Haltung zeigt sich in fünf Dingen, die man von außen erkennen kann.
- Präsenz. Der Sponsor ist dort, wo die Veränderung passiert. In Teamrunden, in schwierigen Gesprächen, auf der Fläche. Nicht jeden Tag, aber verlässlich und spürbar.
- Sichtbarkeit. Er erklärt das Warum selbst, immer wieder, in eigenen Worten. Eine Botschaft, die nur einmal gesendet wird, ist keine Botschaft. Es ist ein Gerücht mit Briefkopf.
- Konfliktbereitschaft. Er trägt die schwierigen Gespräche selbst, besonders mit den eigenen Führungskräften, die das Neue im Stillen ausbremsen.
- Entscheidungskraft. Er entscheidet, auch wenn es wehtut, und steht zu seiner Entscheidung, wenn Gegenwind kommt.
- Vorleben. Er tut zuerst, was er von anderen erwartet. Wer mehr Offenheit fordert, beginnt mit dem eigenen Fehler.
Das klingt einfach. Es ist anspruchsvoll, weil es Zeit kostet und Mut verlangt. Und weil die Rolle des Sponsors im Tagesgeschäft keine eigene Spalte in der Bilanz hat. Ihr Ertrag zeigt sich später. Dann aber deutlich.

Ein Gedankenexperiment
Stellen Sie sich zwei Unternehmen vor. Gleiche Branche, gleiche Größe, gleiches Vorhaben: Die Arbeit soll künftig in eigenverantwortlichen Teams organisiert werden. Beide haben dieselbe Beratung, dieselben Folien und denselben Zeitplan.
Im ersten Unternehmen eröffnet der Geschäftsführer das Projekt mit einer starken Rede und übergibt dann an die Projektleitung. In den folgenden Monaten taucht er in den Teams nicht mehr auf. Wenn Bereichsleiter im Stillen an alten Entscheidungswegen festhalten, lässt er sie gewähren. Er hat schließlich ein Unternehmen zu führen.
Im zweiten Unternehmen eröffnet die Geschäftsführerin das Projekt mit einer eher unspektakulären Rede. Danach sitzt sie alle zwei Wochen für eine Stunde in einem der neuen Teams und hört zu. Als ein Bereichsleiter die neue Arbeitsweise ausbremst, führt sie selbst das Gespräch mit ihm. Und als sie merkt, dass sie selbst noch zu oft Entscheidungen an sich zieht, sagt sie das offen in der Führungsrunde.
Welches der beiden Projekte wird erfolgreicher sein? Sie kennen die Antwort. Und Sie kennen sie nicht aus einer Studie, sondern aus Ihrer eigenen Erfahrung als Mitarbeiter. Wir alle haben irgendwann gespürt, ob es die da oben ernst meinen.
Sponsorship beginnt vor dem ersten Termin
Die meisten Sponsoren werden in dem Moment Sponsor, in dem das Projekt startet. Wirksame Sponsoren beginnen früher. Bei sich selbst. Bevor die erste Folie entsteht, beantworten sie drei Fragen, ehrlich und am besten schriftlich.
Warum ich? Was verbindet mich persönlich mit dieser Veränderung? Wer das nicht beantworten kann, wird das Warum später nur nacherzählen. Und Menschen hören den Unterschied zwischen Überzeugung und Pflichtprogramm sehr genau.
Was gebe ich auf? Jede echte Veränderung kostet auch die Führung etwas: Gewohnheiten, Kontrolle, liebgewonnene Abläufe, manchmal Ansehen bei langjährigen Weggefährten. Ein Sponsor, der vom Team Veränderung erwartet und für sich selbst alles beim Alten lässt, verliert seine Glaubwürdigkeit in der ersten Woche.
Was lebe ich ab morgen vor? Eine konkrete Verhaltensweise genügt für den Anfang. Wer mehr Eigenverantwortung im Team möchte, trifft weniger Entscheidungen selbst und fragt öfter: Was schlagen Sie vor? Wer mehr Offenheit möchte, spricht als Erster über einen eigenen Fehler. Kleine Gesten, große Wirkung. Menschen glauben dem, was sie sehen.
Frühwarnsignale: Woran Sie fehlende Sponsorship erkennen
Fehlende Sponsorship kündigt sich selten mit einem Knall an. Sie zeigt sich in kleinen Zeichen, die man leicht übersieht, wenn man im Tagesgeschäft steckt. Achten Sie auf diese Signale:
- Termine zum Veränderungsvorhaben werden auffällig oft verschoben, und niemand wundert sich mehr darüber.
- In Meetings wird über das Projekt gesprochen, aber selten mit der Geschäftsführung.
- Alte Abläufe laufen still parallel weiter, weil das Neue ja noch nicht ganz fertig ist.
- Der Flurfunk weiß mehr als der offizielle Newsletter, und er ist deutlich unterhaltsamer.
- Die Projektleitung wirkt erschöpft und spricht zunehmend von Akzeptanzproblemen.
Wenn Sie zwei oder mehr dieser Signale erkennen, lohnt sich ein ehrlicher Blick. Nicht auf das Projekt, sondern auf die Sponsorship. Meist ist die Lösung erstaunlich nah: im eigenen Kalender, in einem klärenden Gespräch und in der Entscheidung, sichtbar zu bleiben.
Die unsichtbare Schicht dazwischen
Eine besonders heikle Gruppe im Change sind die Führungskräfte zwischen Geschäftsführung und Team. Sie sollen die Veränderung erklären, umsetzen und verteidigen, oft ohne sie selbst gewollt zu haben. Sie stehen zwischen allen Stühlen. Nach oben loyal, nach unten glaubwürdig, und für sich selbst bleibt kaum etwas übrig.
Ein wirksamer Sponsor schaut genau hier hin. Er holt diese Führungskräfte früh ins Boot, hört ihre Bedenken ernsthaft an und erwartet trotzdem Klarheit. Er gibt ihnen Rückendeckung, wenn es hakt, und eine klare Ansage, wenn sie im Stillen bremsen. Viele Veränderungen scheitern weder oben noch unten. Sie verlieren ihre Kraft in der Mitte, dort, wo niemand richtig hinsieht.
Warum ein externer Spiegel hilft
Je höher Sie stehen, desto gefilterter erreichen Sie die Informationen. Menschen erzählen Ihnen, was sie für hilfreich halten. Oder was ihnen nützt. Selten erzählen sie Ihnen, wie Sie gerade wirken.
Hier liegt meine Rolle als externer Sponsorbegleiter. Ich bin weder Projektleiter noch Kommunikationsberater, und ich verkaufe keine Methode. Ich bin der Spiegel. Der Mensch, der die unbequemen Fragen stellt. Der Begleiter, der spürt, was unter der Oberfläche brodelt, und es ausspricht. Bevor es im Flurfunk ausgesprochen wird.
In der Praxis heißt das: Einzelgespräche, in denen Sie sagen dürfen, was Sie sonst niemandem sagen. Präsenz in Führungskreisen, wenn Nebel im Raum steht. Und Ruhe, wenn es brennt. Ich begleite keine Projekte. Ich begleite Verantwortung.
Warum extern? Weil ein interner Begleiter immer auch Teil des Systems ist. Er hat eine Karriere, Loyalitäten und einen Platz in der Kantine. Das macht ihn nicht schlechter, aber befangener. Ein externer Spiegel kann Dinge aussprechen, die intern niemand ausspricht, ohne dass es politische Folgen hat. Er kann Fragen stellen, die naiv klingen und genau deshalb treffen. Und er kann gehen, wenn seine Arbeit getan ist. Gerade diese Freiheit macht ihn für Sponsoren so wertvoll. Viele meiner Gespräche beginnen mit dem Satz: Das habe ich so noch niemandem gesagt.
Der Kalendertest
Nehmen Sie Ihren Kalender der letzten vier Wochen und markieren Sie jeden Termin, der direkt mit Ihrem wichtigsten Veränderungsvorhaben zu tun hatte. Zählen Sie die Stunden. Und dann stellen Sie sich eine ehrliche Frage: Wenn Ihre Mitarbeiter nur diesen Kalender sehen würden, für wie wichtig würden sie das Vorhaben halten? Die Antwort ist oft verblüffend. Und sie ist der beste Startpunkt für echte Sponsorship.
Häufige Fragen zu Sponsorship
Was ist ein Sponsor im Change-Management?
Der Sponsor ist die Führungskraft, die eine Veränderung verantwortet und mit ihrer Autorität trägt. Er stellt Ressourcen bereit, erklärt das Warum, trifft Entscheidungen und lebt das Neue sichtbar vor.
Was unterscheidet Sponsor und Projektleitung?
Die Projektleitung steuert das Vorhaben operativ: Planung, Aufgaben, Termine. Der Sponsor verantwortet die Richtung, die Glaubwürdigkeit und die schwierigen Entscheidungen. Beides ist nötig. Ersetzen kann das eine das andere nicht.
Kann man Sponsorship delegieren?
Aufgaben lassen sich delegieren, Haltung nicht. Wenn die oberste Führung die Verantwortung weitergibt, nehmen Mitarbeiter das als Signal, dass die Veränderung zweitrangig ist.
Wie viel Zeit braucht gute Sponsorship?
Weniger, als viele befürchten, aber regelmäßig und sichtbar. Entscheidend ist Verlässlichkeit: kurze, wiederkehrende Präsenz wirkt stärker als ein großer Auftritt pro Quartal.
Zum Schluss
Wenn Sie beim Kalendertest leicht nervös geworden sind, sind Sie in guter Gesellschaft. Lassen Sie uns 30 Minuten sprechen. Vertraulich, ergebnisoffen und ohne Folien. Wir schauen gemeinsam, wo Ihre Veränderung gerade steht und welche Rolle Sie darin spielen möchten.
Quellen
- Prosci: Best Practices in Change Management (Forschungsreihe seit 1998), Kennzahlen zur Sponsorwirksamkeit. Beitrag bei Prosci öffnen
